Dieser Beitrag präsentiert eine Unterscheidung, die mir seit einiger Zeit in meinen Gedanken herumspukt. Angestoßen von meiner gestrigen Lektüre schaffe ich es vielleicht diesmal, die Unterscheidung (und ihre Relevanz) aufzuschreiben. Also, was bedeutet „Es ist begrifflich möglich, dass p“? Meine These ist, dass es neben der traditionellen Lesart noch eine zweite Lesart gibt. Diese zweite Lesart ist zwar nicht wirklich attraktiv, erlaubt es aber, ansonsten inkonsistente oder unplausible Behauptungen wohlwollender zu deuten.
Die erste Lesart. Nach traditionellem Verständnis bedeutet „Es ist begrifflich möglich, dass p“, dass man sich eine Situation ausmalen kann (oder: dass es eine mögliche Welt gibt), in der es der Fall ist, dass p, und die außerdem logisch widerspruchsfrei ist und gegen keine analytische Wahrheit verstößt. Es entsteht kein sprachlicher oder begrifflicher Unfug, wenn man eine Welt beschreibt, in der alle Beamte Schwäne sind und sprechen können, oder eine Welt, in der mein Rechner aus Wasser in verschiedenen Aggregatszuständen besteht. – Soweit habe ich nichts Überraschendes zu sagen.
Die zweite Lesart. Manche Autoren aber meinen mit „Es ist begrifflich möglich, dass p“ anscheinend etwas anderes, nämlich in etwa:
Angenommen in der Proposition, dass p, kommen die Begriffe B1, B2 bis Bn vor. Dann ist es keine analytische Wahrheit (und auch keine analytische Falschheit) bezüglich dieser Begriffe, dass p.
Das besagt, vielleicht erstaunlicherweise, nicht dasselbe wie die erste Erläuterung. Denn aus dieser Erläuterung folgt noch nicht einmal, dass es eine begrifflich mögliche Welt (in der ersten Lesart) gibt, in der es der Fall ist, dass p. Oder für den Fall, dass wir es mit einer Allaussage zu tun haben: Es folgt auch nicht, dass es eine mögliche Welt gibt, in der eine Instantiierung der Allaussage auf nicht-triviale Weise wahr ist (d.h. Scherze wie Konditionale mit falschen Vordersätzen zählen hier nicht mit).
Zwei Beispiele helfen hoffentlich, dies zu illustrieren!
Das erste Beispiel stammt aus Jonathan Dancys Ethics without Principles (2004). Zu Beginn von Kapitel 5 erläutert er den (von ihm verfochtenen) Holismus der Gründe so: „a feature that is a reason in one case may be no reason at all, or an opposite reason, in another“ (73). Nun gibt es aber leider Gegenbeispiele, d.h. Gründe, die ihre Polarität nicht ändern können. Dancy selber gibt als Beispiel „the causing of gratuitious pain on unwilling victims“ (77): Man kann sich einfach keine Umstände ausmalen, in denen dies kein Grund gegen die Handlung wäre! Dennoch hält Dancy an seiner holistischen These fest. Er behauptet also einerseits, dass jeder Grund seine Polarität ändern kann, andererseits aber auch, dass der eben genannte Grund dies nicht kann. Wie kann man diese beiden Behauptungen konsistent vertreten?
Dancy könnte den vielleicht naheliegenden Ausweg nehmen, zwischen begrifflicher und metaphysischer Möglichkeit zu unterscheiden. Er könnte sein Beispiel so beschreiben, dass ein Polaritätswechsel begrifflich möglich, aber in diesem Fall metaphysisch unmöglich sei. In diesem Beispiel ist es jedoch eher unplausibel, dass die Begriffe des Opfers, der Schmerzen und der Uberflüssigkeit die Polarität des Grundes offen lassen. Dancy hat diesen Ausweg in der Diskussion auch nicht genommen.
Ich verstehe Dancy hier so: Es ist keine analytische Wahrheit, die sich aus dem Begriff des Grundes ergibt, dass Gründe in verschiedenen Situationen verschiedene Polaritäten haben. Damit ist aber kompatibel, dass es eine analytische Wahrheit bezüglich bestimmter einzelner Gründe ist, dass sie ihre Polarität nicht wechseln. Dies ist sogar, für Dancy sicherlich unglücklich, auch damit kompatibel, dass alle Gründe wegen ihres jeweils spezifischen Inhalts ihre Polarität nicht wechseln können.
Fazit: Die zweite Lesart begrifflicher Möglichkeit erlaubt es, Dancys allgemeine These mit seinem Umgang mit dem Beispiel konsistent zu bekommen – leider schwächt sie aber auch den Holismus so stark ab, dass die Relevanz dieser Position nicht mehr deutlich zu sehen ist. Bevor mir jemand vorwirft, Dancy vorschnell zu kritisieren, sei angemerkt, dass dies nur eine von vielen Möglichkeiten ist, Dancys Behauptungen konsistent zu bekommen. Es gibt also noch keinen Anlass, Dancys Holismus für erledigt zu halten!
Das zweite Beispiel greift meinen vorletzten Beitrag wieder auf. Heute las ich passenderweise dies:
„Aus dem Wahrheitsrealismus folgt jedoch [..], dass es begrifflich möglich ist, dass alle Meinungen, die auf unseren Rechtfertigungskriterien beruhen, falsch sind.“ (Thomas Grundmann: Der Wahrheit auf der Spur. 2003: 71)
Unter Wahrheitsrealismus ist hier (ungefähr) die These zu verstehen, dass man Wahrheit nicht mit Hilfe von Rechtfertigung definieren kann. Als ich mich an die Diskussion um die richtige Interpretation von Dancys holistischer These zurückerinnerte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Gemeint ist hier: Es folgt nicht aus unseren besten philosophischen Analysen der Begriffe der Meinung, der Wahrheit und der Rechtfertigung, ob mindestens eine meiner Meinungen wahr ist. Das stimmt! Aber dies ist damit kompatibel, dass es aus anderen Gründen begrifflich unmöglich (in der ersten Lesart) ist, dass alle meine Meinungen falsch sind.
Es ist wichtig, dies im Auge zu behalten. Denn bei Grundmann steht zwei Absätze weiter dies:
„Begrifflich scheint es also möglich, dass alle diese Meinungen falsch sind. Diese Möglichkeit, die durch den Wahrheitsrealismus eröffnet wird, kann durch die sogenannten skeptischen Hypothesen dramatisch in Szene gesetzt werden.“
Das ist ungereimt. Genauso könnte man sagen: Gegeben die Peano-Axiome sind Zeitreisen möglich. Denn aus den Peano-Axiomen folgt weder, dass es Zeitreisen gibt, noch, dass es sie nicht gibt. Diese Möglichkeit, die durch die Peano-Axiome eröffnet wird, … Die Peano-Axiome eröffnen nicht die Möglichkeit von Zeitreisen; sie berühren die Frage einfach nicht. Ebenso erlaubt es der Wahrheitsrealismus als eine Analyse der Begriffe der Wahrheit, der Rechtfertigung, der Meinung und deren Zusammenhang nicht, die Frage zu entscheiden, ob alle meine Meinungen falsch sein könnten. Es wäre geradezu eine kosmische Überraschung, wenn der Wahrheitsrealismus für einen Konsistenzbeweis ausreichte! Aus der Nicht-Entscheidbarkeit einer Frage mittels bestimmter Begriffsanalysen folgt aber keine Möglichkeit, sondern nur ein Unabhängigkeitstheorem. Wenn mittels der skeptischen Szenarien diese Frage entschieden werden kann, dann setzen sie nicht bloß etwas in Szene, sondern übernehmen eine genuine argumentative Funktion. Während wir vorher nur vermuteten, dass etwas möglich sei, weil wir es nicht ausschließen konnten, könnten wir nun die Möglichkeit positiv belegen. Allein, skeptschen Szenarien gelingt es nicht, dies erfolgreich zu belegen. Denn im interessanten Sinn von “können” (nämlich der ersten Lesart) können meine Meinungen nicht alle falsch sein.